Die Geschichte des Black History Month Berlin I)

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Black History Month Berlin wurde initiert von schwarzen Menschen für Schwarze Menschen in Berlin und Deutschland. In Anlehnung an die Tradition der African American wurde hier Expertise von schwarzen Menschen an schwarze Menschen weitergegeben, um so die eigene Geschichte und Traditionen aufzuarbeiten, die vom Mainstream sträflich vernachlässigt und teilweise auch verfälscht wird. Eine grosse Allianz bverschiedener schwarzer Initiativen und Individuen verschiedener Kontinenete lernte in der Realisierung dieser Woche die Zusammenarbeit, das Networking und den Respekt vor ein ander. Für viele der in Deutschland aufgewachsenen Afro-Deutschen war es eine erstmalige konfrontation mit den eigenen Wurzeln und trug entscheidend zur Stärkung von Selbstbewusstsein, Aufhebung der Isolation und Findung von Identifikation bei, die nicht durch Diskriminierung und Rassismus  geprägt ist.

 

Black History Month in Berlin

Schwarze Diaspora und Vernetzung

Vom 30. Januar bis 7. März fand in Berlin der Black History Month 98 statt. 

Wenngleich dies eine kurze Reflexion über schwarze Geschichte in Deutschland ist, möchte ich an ihrem Anfang einen kurzen Ausflug nach Amerika unternehmen und ein Ereignis schildern, das Schwarzen hierzulande sehr vertraut sein dürfte: Die Musikindustrie erlebte im Sommer 1996 den Aufstieg dreier junger US-amerikanischer Schwarzer, von denen sich zwei den landesüblichen Kategorien zu Folge noch nicht einmal afrikanisch-amerikanisch nennen dürfen, weil sie der haitianischen EinwandererInnengemeinde New Yorks entstammen. Der dritten im Bunde, Lauryn Hill, widerfuhr nach einem Interview in der Radioshow Howard Sterns in New York das, was beinahe zwangsläufig jeder/m Schwarzen widerfährt, die/der zu viele positive Worte über seine/ihre Identität verliert: Nachdem Ms. Hill ihre Liebe zu ihren schwarzen Landsleuten kundgetan und prophezeit hatte, weiterhin für eine selbstbestimmte Existenz und ein positives Selbstbild der Schhwarzen in den USA zu arbeiten, kam die Reaktion prompt: Eine der positivsten und “peacefullsten” Rap-Gruppen der US-Szene wurde in Anrufen, die beim Sender eingingen und nachfolgenden Diskussionen im internet des anti-weißen Rassismus beschuldigt.

Der Bogen zwischen diesem Ereignis und der Lebensrealität nicht-weißer Deutscher wird noch zu spannen sein. Es gibt ihn jedoch, diesen Zusammenhang und die Ähnlichkeit der Erfahrungen, die Schwarze in einem Land mit so tiefgreifender rassistischer Tradition gemacht haben, und den Erfahrungen, die sie in Deutschland machen. Mindestens seit der Schlappe Deutschlands im 1. Weltkrieg, den Zwangssterilisationen von Afro-Deutschen im Dritten Reich, der Nichtanerkennung der Verfolgung unter dem nationalsozialistischen Regime in der Nachkriegszeit und neuen Generationen von sogenannten “Besatzungskindern” in den 50er Jahren, reihen sich Afro-Deutsche ein in die Tradition nicht-weißer Menschen in diesem Land: Vereinzelung.

Eine Gesellschaft, die auch noch in den 90er Jahren ein ernsthaftes Problem damit hat sich einzugestehen, daß sie nicht länger weiß ist, hat es vorzüglich verstanden, die Abwesenheit einer kollektiven Unterdrückungsgeschichte von Afro-Deutschen in ihrem Sinne auszunutzen: nämlich zu der Behauptung, daß es in diesem Lande keine wirkliche Diskriminierung gäbe – und wo es offensichtlich keine Diskriminierung und keinen Rassismus gegenüber Schwarzen Deutschen gäbe, wäre demzufolge auch ein Zusammenschluß und eine Mobilisierung dieser Leute nicht unbedingt nötig – wäre dies somit Ausdruck von anti-weißem Rassismus. Da haben wir ihn, den Bogen, der von Europa nach den USA führt. Diese Ablehnungshaltung der Gesellschaft gegenüber Gruppen, die sich aufgrund eines Konsens gegen den Mainstream zusammengeschlossen haben, ist von genereller Natur und offenbart sich auch dort, wo es nicht um erklärt militante Ziele geht, sondern um ein großes Event, einen Teil von Tradition (ein wohlbekanntes Beispiel ist der Christopher Street Day).

Das Recht zusammenzukommen um des Zusammenkommens willens wird mit Abwehrversuchen folgender Art beantwortet: Ob der gemeinsame Konsens überhaupt breit genug sei; ob man wirklich meine einen Grund zu haben, sich beklagen zu können. Hier liegt eine weitere Eigenart der deutschen Gesellschaft: Afro-Deutsche, die für die deutsche Gesellschaft immer mit Fremdartigkeit behaftet waren, erleben spätestens in dem Moment, wo sie gemeinsamen Boden mit anderen Menschen afrikanischer Herkunft finden, Versuche, sie wieder auf die andere Seite zurückzuziehen, und sie als Beweis dafür hinzustellen, daß die deutsche Gesellschaft nicht diskriminiert. Beinahe jede/r Afro-Deutsche kennt ihn, den Spruch aus seiner/ihrer Kindheit: “So dunkel bist du ja nun auch wieder nicht.”

So ist es für nicht wenige NormalbürgerInnen Rassismus, wenn “Schwarze aller Schattierungen” – Menschen afrikanischer Herkunft – zu dem Konsens gelangen, daß ihre unterschiedlichen Sozialisationen in europäischen, afrikanischen, amerikanischen und anderen Gesellschaften keine Barrieren darstellen, sondern die Chance, den gemeinsamen schwarzen Horizont zu erweitern. In diesem Zusammenhang muß wohl nicht erwähnt werden, daß über die Probleme der in Deutschland lebenden Schwarzen anderer Nationalitäten hier noch nicht gesprochen wurde.

 

Black History Month

Der Black History Month, der seit 1990 von der Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland e.V. in Zusammenarbeit mit anderen schwarzen Gruppen in Berlin veranstaltet wird, sieht es als eine Aufgabe, Afro-Deutschen ein Forum und die Gelegenheit zu geben, aus der Vereinzelung und Unkenntnis der eigenen Geschichte auszubrechen. Heute ist “Afro-Deutsch” – ein Wort, das in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Dichterin Audre Lorde in Selbstbestimmung entwickelt wurde – beinahe ein gern gebrauchter Begriff in den Medien, was wohl auch aus der Erkenntnis resultiert, daß man eine Gruppe, die gemeinsame Werte gefunden hat, sich zu artikulieren und zu bestimmen, nicht mehr mit von außen auf sie projizierten Begriffen und Kategorisierungen übergehen kann. Der Kampf um Worte ist ein symbolträchtiger Anfang, aber auch nur ein Anfang.

Eine andere Aufgabe des Black History Month ist es, die Eindimensionalität dieser Gesellschaft in Sachen Nationalität und Denken in Frage zu stellen, da schon dieses für viele eine Provokation und ein direkter Angriff auf die persönliche Identität ist. In einer Zeit, in der Schlammschlachten mit Mythen und Konzepten wie “Europäisierung” und “Globalisierung” betrieben werden, verstärkt auch die deutsche Gesellschaft nach innen ihren Assimilationsdruck und die damit verbundene Forderung nach dem “Deutsch denken” an alle, die teilhaben wollen an einer lebenswerten Existenz.

Der Black History Month 1998 wird vom 30. Januar bis 7. März mit Seminaren, Workshops, Kinderveranstaltungen, Ausstellungen, Lesungen, Konzerten und Partys Gelegenheit geben, sich mit Schwarzer Politik und Kultur sowie anderen schwarzen Themen auseinanderzusetzen. Das diesjährige Leitthema ist “Schwarze Zukunft – Jugend und Netzwerke.”

Spannen wir nun noch einmal den Bogen nach Amerika und dem Rest der Schwarzen Diaspora: Der Black History Month wird auch weiter daran arbeiten, die Erfahrungen und Lebensrealitäten von Schwarzen insbesondere in Deutschland, aber auch in der übrigen Welt, zu thematisieren und die eigene Geschichte selbst zu schreiben. Ganz unterschiedliche und ganz gleiche Erfahrungen werden dabei aufeinandertreffen. Der Tag, an dem die nicht-weiße Bevölkerung der Welt ihre eigene Geschichte zusammentragen wird, kann so weit nicht mehr sein.

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